Vom Singen und der linken Gehirnhälfte

 

Oder geht es um die rechte? Wir müssen mal sehen. Denn in Anlehnung an einen Seufzer von Faust könnte man sagen: "Zwei Hirne wohnen, ach, in meinem Kopf".

kopfvvDas Gehirn

Nach den Erkenntnissen der Gehirnforscher besteht unser Gehirn aus etwa hundert Milliarden Gehirnzellen, jede von ihnen ein wohlgestaltetes winziges Universum --> und jede von ihnen über etwa tausend Verbindungen, sogenannten Axonen, Dendriten und Synapsen,  mit anderen Zellen verbunden, wodurch sich ein Geflecht von etwa tausend mal  hundert Milliarden, also hundert Billionen Verbindungen ergibt -->. Diese Zellen sind die Heimat von Seele und Geist. Wer wir sind, wie wir funktionieren, was wir denken und fühlen, wie viel wir uns merken und wie lange wir uns daran erinnern können, wie wir zurechtkommen in der Welt und wie grau oder farbig wir sie sehen, hängt vom Zustand dieser Zellen und ihrer Verbindungen ab. Grund genug, sie zu hegen und zu pflegen -->.

Die Gehirnhälften

Schon in der Antike haben Ärzte bei Kriegsverletzungen beobachtet - Anschauungsmaterial gab es genug -, dass die Verletzung bestimmter Kopfregionen eine Beeinträchtigung bzw. ein Ausfall  bestimmter Fähigkeiten zur Folge hatte. Sie haben also vermutet, dass bestimmte Gehirnregionen für bestimmte Körperfunktionen und Fähigkeiten zuständig sind. Diese Vermutungen haben sich im Laufe der Jahrhunderte bestätigt, man kann mit heutigen Untersuchungsmethoden wie z.B. den Tomografien diese Zusammenhänge quasi sichtbar machen. Das Gehirn lässt sich also in Regionen einteilen und es wird insbesondere grob in eine rechte und eine linke Hälfte geteilt. Man ordnet der linken eher das rationale Denken, die Sprache, die Logik und die mathematische Analyse, der rechten eher die Gefühle, die Emotionen, die Intuition und die Fantasie zu.

Die Einseitigkeit

Genügt uns als Kind ein kleines Stück Wiese, um in eine fantastische Welt zu versinken, so wird uns dies mit Beginn der Schulzeit nachdrücklich ausgetrieben. Vernünftig sein, richtig schreiben und korrekt rechnen ist ab jetzt an der Tagesordnung. Es beginnt die einseitige Belastung der linken Gehirnhälfte. Die Betätigungsfelder für die rechte spielen bestenfalls in Nebenfächern eine Rolle, stehen aber auch dort unter dem Diktat der Note, was ihnen den Reiz für diese Hälfte wieder nimmt. Das setzt sich fort im Beruf: Berufe, die Nahrung für die rechte Hälfte wären, können den Träger dieses Gehirns oft kaum ernähren. Das hat natürlich Folgen: geistige Überforderung und Erschöpfung, der starke Wunsch, einmal abzuschalten, das Ausgebranntsein und  psychische Erkrankungen könnten eine Folge davon sein.

kopfnlDer Blick ins Gehirn

Als man diese fabelhaften Tomografien erfunden hatte – ein Computer bastelt aus Signalen, die er empfängt, ein Bild zusammen, wie beim Ultraschall kein echtes Bild, sondern ein konstruiertes – da war die Freude groß, endlich ins Gehirn schauen zu können, sozusagen  Gehirne in Aktion zu sehen. Man hat sich darangemacht, zu untersuchen, welche Tätigkeiten und Ereignisse welche Gehirnregionen besonders aktivieren. Man hat Menschen beim Fernsehschauen untersucht. Es regte sich fast nichts im Kopf. Man hat Schüler beim Schreiben eines Aufsatzes beobachtet und war der Meinung, diese Tätigkeit fordere das Gehirn umfassend. Tatsächlich waren überraschend wenige Regionen aktiv. Stärker geleuchtet hat es bei mathematischen Aufgaben, aber lokal sehr begrenzt. Schließlich hat man den Probanden eine Musik ihrer Wahl vorgespielt und siehe da, auf einmal waren viele Regionen des Gehirns hell erleuchtet. Man war dermaßen überrascht von dem Ergebnis, dass das Thema schnell in aller Munde war. Viele Zeitschriften widmeten ihm ausführliche Artikel mit Titeln wie „Musik, die Mathematik der Gefühle“, „Mozart vernetzt die Gehirnhälften“, „Die Musik-Formel“, oder gar „Wie Musik schlau macht“ und auf einmal waren Leute gefragt, die sich auf beiden Gebieten auskannten, im Hirn und in der Musik, wie z.B. Eckard Altenmüller, ein Musiker und Neurologe, der sich intensiv mit der Thematik beschäftigt.

Der Schall

Um zu ergründen, wie Musik ins Gehirn gelangt, könnte man sich einmal deutlich machen, was sich abspielt, wenn beispielsweise ein Chor einsetzt: Die Sängerinnen und Sänger konzentrieren sich auf die Dirigentin bzw. den Dirigenten. Auf eine Armbewegung füllen sich  die  Lungen mit Luft, Stimmbänder werden gestrafft, damit verengt und in die richtige Stellung gebracht, und  dann  strömt die Luft mit Druck durch diese Bänder, sie beginnen zu schwingen und versetzen Luftmoleküle in Schwingung, die sich auf die Reise machen.

Es ist das Bestreben der Sängerinnen und Sänger, diese Moleküle so loszuschicken, dass sie nicht wie ein chaotischer Haufen daherkommen, sondern in geordneter, harmonischer Formation fliegen -->, vergleichbar mit einem Starenschwarm, der im Herbst seine unglaublichen Manöver zeigt: Der auseinanderdriftet und wieder verschmelzt, sich zu einem Ballon aufbläht und daraus eine schlanke Säule formt, mutig in die Tiefe stürzt und mühelos wieder aufsteigt, rasant beschleunigt und kraftvoll das Tempo wieder herausnimmt.  Ohne Zusammenstöße, in völliger Harmonie -->.

Jeder Chor kann ein Lied davon singen, wie  schwierig das ist und wie oft es nicht gelingt. Es ist ja auch nicht ganz einfach, denn die Flügel der Tenöre - um im Bild zu bleiben - schlagen doppelt so schnell wie die der Bassstimmen, die der Altistinnen dreimal, die der Sopranistinnen viermal so schnell.

Das Ohr

Wären jetzt keine Ohren in der Nähe, dann blieben die Moleküle stumme Kügelchen, tonlose Gesellen, ein Hauch von Luftdruck, nicht zu spüren. Aber sie treffen auf Ohren, ein paar von ihnen auf direktem Weg, andere sind zwei-, dreimal an Decke, Wand oder Gegenständen im Raum abgeprallt, manche haben eine regelrechte Irrfahrt hinter sich -->. Sie fliegen in den Gehörgang, prallen auf das Trommelfell und schütteln es ein klein wenig, versetzen dadurch drei winzige  Gehörknochen in eine kaum wahrnehmbare Schwingung, dies beunruhigt eine Membran und damit die Flüssigkeit des Innenohrs, die Haarzellen in der Gehörschnecke kommen in Bewegung und erzeugen daraus elektrische Signale -->. Würden wir den Vorgang hier abbrechen, hätten wir noch immer nichts gehört, denn man hört mit dem Gehirn, nicht mit den Ohren. Genau dorthin sind die elektrischen Signale jetzt unterwegs, nicht mehr aufzuhalten und aus dem leichten, kaum spürbaren Luftdruck komponiert das Gehirn irgendwo im Geflecht der 100 Billionen ein klangvolles, vielstimmiges Lied. 

Musik im Gehirnkopfnr

Doch  ganz so weit sind wir noch nicht. Zunächst leiten die Sinneszellen des Hörorgans die elektrischen Signale in hoher Geschwindigkeit weiter zur sogenannten Hör-Rinde, zum auditiven Cortex. Dort herrscht Arbeitsteilung. Man teilt ihn in Felder ein und weiß inzwischen, dass es Felder gibt, die besonders angetan sind von einem Taktwechsel, und solche, die bei einem Übergang von laut zu leise außer Rand und Band geraten, und solche, die sich beim Übergang einer halben Note besonders erregen. Es sieht also so aus, als wäre das Gehirn vor allem an Unvorhergesehenem, an Überraschungen, an Veränderungen interessiert. Welche Wege im Geflecht der Gehirnzellen und ihrer Verbindungen die Signale aber nehmen,  ist noch weitgehend unbekannt. Auch wenn wir die gleiche Musik wiederholt hören, es werden jedes Mal andere sein, abhängig vom unserer Verfassung, von der Atmosphäre, vom Luftdruck, vielleicht von den Gestirnen.

Welche Wege sie also nehmen, um uns zu Tränen zu rühren, die Haare aufzustellen, um uns zu ängstigen oder zu trösten, zu erheitern oder nachdenklich zu machen, warum fast alle Zuhörer auf einer ganz bestimmten Taktnummer von Bachs Matthäuspassion eine Gänsehaut bekommen und manche das Gefühl haben, eine Passage treffe sie im Bauch, weiß man noch nicht genau. Man weiß noch nicht einmal, wie sich die Wege von Dur und Moll im Gehirn unterscheiden, um so unterschiedlich zu wirken. Das alles liegt zwar nicht mehr völlig im Dunkeln, aber es ziehen noch dichte Nebelschwaden umher.

Aber dass die Musik dem Gehirn äußerst gut tut, dürfen wir als gesichert annehmen, schon das Hören von Musik und Gesang, aber noch viel mehr das Musizieren und Singen selbst: Das Füllen der Lungen, die Anspannung und korrekte Stellung der Stimmbänder, der richtige Luftdruck, das gemeinsame Einsetzen, die Synchronisation mit den anderen, die gleichzeitige Konzentration auf Dirigentin und Noten, das Lauter und Leiser, aufsteigen und abfallen, anschwellen und ausklingen, der breite und der schlanke Flug der Töne -  das alles elektrisiert die Gehirnzellen, versetzt sie in eine positive Aufruhr und fährt in rechte und linke Gehirnhälfte gleichermaßen.

Musik und Intelligenz

Man könnte ja meinen, dass uns etwas, was das Gehirn so aktiviert und entzündet, auch intelligenter macht. Dass also vielleicht die Komponisten die Intelligentesten sind, gefolgt von Musikern, dann die Musikkonsumenten und am Ende die Unmusikalischen. Aber da werden wir enttäuscht. Der Durchschnitt der Musiker ist nicht intelligenter als der Durchschnitt der Anderen. Zumindest nicht auf dem Gebiet, das mit  Instrumentarien wie dem Intelligenzquotienten messbar ist. Schade. Es wär so einfach gewesen.

Was man aber herausgefunden hat, ist, dass der sogenannte Balken - oder medizinisch das corpus callosum -, ein Nervenstrang, der die linke mit der rechten Gehirnhälfte verbindet, bei den Musikern auffallend dicker und kräftiger ist als bei den Anderen. Vielleicht erklärt das ja die Ausgeglichenheit, die Zufriedenheit und das Glück, das viele Musiker, Sängerinnen und Sänger beim Ausüben ihrer Profession empfinden.

Und jetzt?

Wenn Sie bis hierhin weitergelesen haben, obwohl Sie nicht Mitglied im Kirchenchor Ohlsbach sind, dann ist es jetzt nur noch ein kleiner Schritt, der rechten Gehirnhälfte wieder auf die Sprünge zu helfen. Wir haben keine Antragsformulare und keine Aufnahmeformalitäten, keine Aufnahmegebühren und keine Mindestvertragslaufzeiten. Konstantin Bläsi ist ein junger und unkomplizierter Chorleiter. Wir proben mittwochs, die genauen Zeiten erfahren Sie hier. Also, bis bald. Wir freuen uns drauf!

Mit herzlichen Grüßen
und den besten Wünschen für Ihre linke und rechte Gehirnhälfte!

Ihr Kirchenchor Ohlsbach
Hans Seger

 

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Wer das Thema vertiefen möchte, macht das am besten mit [
Robert Jourdain Das wohltemperierte Gehirn, Spektrum Verlag].

Weitere Quellen:
DER SPIEGEL, 31/2003 Die Musik-Formel
Hamburger Abendblatt, 7.5.2002 Die Musik spielt im Gehirn
Eckart Altenmüller, 10.1.2007 Musik, Gehirn und Emotionen
WELT Online, 14.4.2007 Wie Musik schlau macht
DER TAGESSPIEGEL, 5.10.2007 Melodie des Geistes

Die Zeit, 26.8.2010 Fühlt sich an wie Glück
Frank McCourt Die Asche meiner Mutter,
btb Verlag
Wikipedia Ohr
Wikipedia Nervenzelle